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Sechs Künstler*innen legen in der Künstler*innenkneipe des Cabaret Voltaire Spuren aus, die in verschiedene Richtungen führen können. Die Ausstellung «The Red Herring» benannt nach der englischen Redewendung für eine falsche oder irreführende Fährte, spielt nicht nur mit Ablenkung, sondern vor allem mit Mehrdeutigkeiten und den Erwartungen, die wir an zeitgenössische Kunst und den historischen Geburtsort von Dada stellen. Dieser Ort wird täglich von Tourist*innen, der Kunstszene und zufälligen Vorbeikommenden besucht – einige hoffen, Schätze aus dem letzten Jahrhundert zu entdecken, trotz der Veränderungen des Raumes im Laufe der Zeit. Die Spuren der Künstler*innen lenken bewusst von geradlinigen Interpretationen ab, führen aber stets zurück zu Dada, zur Geschichte des Ortes, zu ihren eigenen künstlerischen Praktiken und den Konzepten, die mit der Idee einer Kunstkneipe verknüpft sind – sowohl im Allgemeinen als auch in Bezug auf diesen spezifischen Ort: 1916 wurde das Cabaret Voltaire im oberen Stockwerk gegründet, bekannt als Holländerstübli der holländischen Meierei, ein Treffpunkt, an dem Bier und Wein angeboten wurden und wo der alte Seemann Jan Ephraim gelegentlich Fisch servierte, wie Zeitungsannoncen von 1915 in der Neuen Zürcher Zeitung bezeugen.

Die Dadaist*innen eröffneten während des Ersten Weltkriegs das Cabaret Voltaire, zunächst als «Künstlerkneipe Voltaire», als Ort für künstlerischen und intellektuellen Austausch. Der Ausstellungshintergrund erinnert an das ursprüngliche Ambiente dieser Kneipe, wie es auf einem Foto von 1940 zu sehen ist. Vermutlich war das Interieur im Jahr 1916 noch rustikaler gestaltet; es bleibt unklar, inwiefern die «Swissness» im damaligen Arbeiter- und Unterhaltungsviertel mit der internationalen Vielfalt der Dadaist*innen und des Besitzers interagierte. Die heutige Künstler*innenkneipe greift diese Referenzen auf und erweitert sie um zeitgenössische Praktiken und Fragestellungen. Dies zeigt sich nicht nur in den vielfältigen Werken der Künstler*innen, sondern auch in den eingeritzten Worten und Sprüchen in der Holzverkleidung – eine typische Erscheinung in Kneipen und historischen Orten, die aus dem Wunsch entstehen, eine Spur zu hinterlassen. Hier treffen banale Aussagen auf ernsthafte Gedanken und Forderungen, ähnlich wie in einem Social-Media-Feed, wo Alltägliches und Politisches problematisch nebeneinander existieren. Die Werke und Inschriften bleiben bis zum Sommer 2025 bestehen. Wer weiss, wie die Welt dann aussehen wird an diesem Ort, der einst für den Widerstand gegen Militarismus, Autoritarismus und Krieg stand und für internationale Solidarität sowie neue Gesellschafts- und Kunstformen eintrat.

Camille Lütjens, Carlo Travaglia, Elena Barmpa, Ice Wong Kei Suet, Laura Nan und Stéphane Nabil Petitmermet absolvieren derzeit ihren Master an der Zürcher Hochschule der Künste. Auch die Dadaist*innen selbst waren Anfang zwanzig, als sie das Cabaret Voltaire gründeten – einige noch Studierende, während andere, wie Sophie Taeuber-Arp, schon an der heutigen ZHdK tätig waren. In ihrem Bestreben, Künstler*innen am Anfang ihrer Karriere neben etablierten und historischen Figuren zu integrieren, hat das Cabaret Voltaire diese sechs aufstrebenden Künstler*innen eingeladen, gemeinsam die Künstler*innenkneipe zu bespielen und durch ihre individuellen Praktiken neu zu interpretieren, während sie gleichzeitig die Geschichte des Ortes widerhallen lassen.

In Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste.

Unterstützt durch:
Stiftung Erna und Curt Burgauer
Susanne und Martin Knechtli-Kradolfer-Stiftung

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