Dada wird als Befragungsmodus verstanden, der nicht zielführend sein muss, sondern in unterschiedlichen Formen und Formaten fortwährend Fragen stellt: Wie reagieren wir auf die Gegenwart? Mit welchen Mitteln denken wir die Zukunft? Welcher Sprache bedienen wir uns? Wer nimmt an der Gesellschaft teil, unter welchen Bedingungen? Was bedeutet Existenz? Welche Rolle spielen die Künste? Ebenfalls im Fokus steht das Gemeinschaftliche, die gegenseitige Stärkung und Konfrontation, Verletzlichkeit und Mut. Das Cabaret Voltaire war und bleibt ein offener Ort der ehrlichen Kritik und des disziplinübergreifenden Austausches. Diese Ansprüche an eine Kulturinstitution haben heute dieselbe Dringlichkeit wie 1916. Vor der dadaistischen Folie können historische Positionen und zeitgenössische Strategien diskutiert werden, die unsere politische und ästhetische Urteilskraft schärfen. Das Cabaret Voltaire fungiert zugleich als Künstlerkneipe, Vermittlungsort für Dada sowie als Plattform für gegenwärtiges Kulturschaffen und relevante Debatten.
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Das Museum Cabaret Voltaire ist der Ursprungsort der weltweit bekannten Dada-Bewegung, die 1916 in Zürich entstanden ist. Das Programm des Cabaret Voltaire lebte und lebt stark von der Besonderheit des Ortes: dem Saal für Aufführungen und Aktivitäten unterschiedlichster Art, dem Barbetrieb, den zugänglichen Räumen davor und darunter, dem Eingangsbereich, der die Tür zur Stadt und zugleich zur Welt bildete und bildet.
1916 war das Cabaret Voltaire ein Ort, an dem die damalige durch Krieg und Exil geprägte Gegenwart das Bedürfnis weckte, sich von den gegebenen Zeitumständen und ihren ideologischen Verengungen radikal (negativ) abzusetzen, um stattdessen neue Weisen der Kooperation und Kritik, experimentelle Formen der Aufführung und Inszenierung sowie neu entdeckte Medien der Reflexion und Dokumentation zu erproben. Dada war insgesamt keine Kunstrichtung, die sich in erster Linie mit der Vergangenheit sowie überhaupt mit dem bereits Bekannten befasste. Viel mehr setzte Dada in zuvor ungekannter Radikalität auf die Auseinandersetzung mit dem, was noch unbekannt war, mit dem, was gerade in der Gegenwart passierte oder noch passieren könnte, um daraus Ideen für die Zukunft zu entwickeln.
Zur «Erbschaft» von Dada gehört deshalb die Frage: Worauf wird man später einmal zurückkommen können? Antworten auf diese Frage können immer nur in der jeweiligen Gegenwart formuliert werden. Das ist das Besondere an Dada, auch jenseits von 1916: Nicht ein Stil, nicht ein bestimmtes politisches Programm und nicht ein fest stehender Inhalt war kennzeichnend für Dada, sondern die Einsicht, dass jede Gegenwart ihre eigenen Mittel und Wege finden muss, um sich möglichst frei aus sich heraus bewegen zu können: künstlerisch, gesellschaftlich, lebenspraktisch.
Das Programm des Cabaret Voltaire versucht, diese Einsichten der Dadaisten aus heutiger Sicht, für die heutige Situation zu befragen und sie erneut fruchtbar zu machen. Die Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe enthält zwar eine Komponente der Dokumentation von Geschichte, doch sie kann sich nicht darin erschöpfen. Denn Dada war schon immer auf die Zukunft ausgerichtet und deswegen gilt es auch, die Vergangenheit von Dada nicht als statisch zu begreifen. Vielmehr soll diese Vergangenheit immer wieder neu auf ihre Aktualität für die Gegenwart und Zukunft hin befragt werden.
Die damaligen Aktivitäten der Dadaist*innen bewegten sich allesamt in Spannungsfeldern: zwischen Kunst und Nicht-Kunst, Planung und Zufall, Sinn und Unsinn, Behauptung und Realisierung, lokalen Besonderheiten und internationaler Vernetzung, intensiven Livemomenten und – was oft vergessen geht – Bestrebungen nach Anerkennung und Dauer. Diese Spannungsfelder bestehen auch heute noch. Sie sind unauflöslicher Teil der fortlaufenden Geschichte von Dada. Das Programm des Cabaret Voltaire ist sich dessen bewusst, ortet diese Spannungen in ihrer jeweils aktuellen Ausprägung und arbeitet mit ihnen. Sie unterzieht sie so einem permanenten «Gegenwarts-Check».
Dada is understood as a mode of questioning that does not have to be goal-oriented, but constantly asks questions in different forms and formats: How do we react to the present? With what means do we reflect on the future? What language do we use? Who participates in society, and under what conditions? What does existence mean? What role do the arts play? The focus is also on community, mutual reinforcement and confrontation, vulnerability and courage. The Cabaret Voltaire was and remains an open place for honest criticism and interdisciplinary exchange. These demands on an institution have the same urgency today as they did in 1916. Historical positions and contemporary strategies that sharpen our political and aesthetic judgment can be discussed against the Dadaist backdrop. The Cabaret Voltaire functions simultaneously as an artists' «local», a competence center and mediation site for Dada, and a platform for contemporary cultural creation and relevant debates.
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The Museum Cabaret Voltaire is the birthplace of the world-famous Dada movement, which originated in Zurich in 1916. The program of Cabaret Voltaire lived and still lives strongly from the special nature of the place: the hall for performances and activities of the most varied kinds, the bar, the accessible spaces out front and below, the entrance area, which formed and forms the gateway to both the city and the wider world.
In 1916, Cabaret Voltaire was a place where the present, then marked by war and exile, awakened the need to radically (negatively) distance oneself from the given circumstances of the time and its ideological constrictions, in order to try out instead new ways of cooperation and criticism, experimental forms of performance and staging, and newly discovered media of reflection and documentation. On the whole, Dada was not an art movement that was primarily concerned with the past and with what was already known in general. Rather, it relied, with an entirely new radicality, on the examination of what was still unknown, of what was happening or could happen in the present to develop ideas for the future.
The «heritage» of Dada therefore includes the question: What will be possible to come back to later? Answers to this question can only ever be formulated in the respective present. This is what is special about Dada, even beyond 1916: Not a style, not a specific political program, and not a fixed content characteristic of Dada, but the insight that every present must find its own ways and means in order to move as freely as possible out of itself: artistically, socially, practically.
The program of Cabaret Voltaire attempts to question these insights of the Dadaists from today's perspective, for our contemporary situation, and to make them fruitful again. The examination of the historical heritage contains a component of the documentation of history; but it cannot be exhausted in this. Because Dada has always been oriented towards the future, it is also important not to conceive of the past of Dada as static. Rather, this past should always be questioned anew in terms of its relevance for the present and the future.
The activities of the Dadaists at that time merged together in seemingly conflicting fields: art and non-art, planning and coincidence, sense and nonsense, assertion and realization, local peculiarities and international networking, intense live moments and—something that is often forgotten—aspirations for recognition and duration. These fields of tension still exist today. They are an indissoluble part of the ongoing history of Dada. The Cabaret Voltaire program is aware of this, locates these tensions in their current form, and works with them. In this way, it subjects them to a permanent «present-day check».