«Songs to the Suns»
Das Cabaret Voltaire auf dem Monte Verità, Ascona
Izidora L. LETHE, Paul Maheke
Christa Baumberger, Sophie Doutreligne und Minna Salami

14.08.2021–02.10.2021
Eröffnung: 14.08.2021, 16:00–22:00

Der Monte Verità gilt – wie das Cabaret Voltaire – als einer der wichtigsten Orte der Avantgarde, sei es in Kunst, Theorie oder Lebensführung. Es erstaunt daher nicht, dass Künstler*innen um den Zürcher Dada-Kreis ihre Sommer auf dem Hügel in Ascona verbrachten. Sophie Taeuber-Arp, Emmy Hennings, Hans Arp oder Hugo Ball besuchten Rudolf von Labans Kurse, tanzten, veranstalteten Ausstellungen und Feste. Sowohl im Cabaret Voltaire als auch auf dem Monte Verità war die Befreiung von körperlichen und sprachlichen Konventionen zentral. Die Lebensreform strebte danach, die Gesellschaft durch Vegetarismus, Ausdruckstanz, Naturheilkunde, Licht- und Sonnenbäder, Freikörperkultur oder Reformkleidung aus dem steifen Korsett bürgerlicher Zwänge zu befreien. Im Fokus ihres «dritten Weges» zwischen Kapitalismus und Kommunismus stand das Individuum, der Körper und eine möglichst «naturnahe» Lebensweise. Jedoch fand ihre Kritik am Fortschritt und ihr Interesse an der mythischen Vergangenheit später auch Eingang in faschistoides Gedankengut. Zahlreiche lebensreformerische Ideen leben in heutigen Industrien um Selbstoptimierung und Gesundheit weiter. Sie treten aber auch dort auf, wo das Denken durch den Körper und seine Bewegungen gesellschaftliche Kategorien weiter herausfordern will – und sicherlich auf der Suche nach alternativen und gemeinschaftlich organisierten Lebensmodellen. Die Parameter um Bürgerlichkeit, Identität und Wissen haben sich allerdings geändert und müssen aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Diese Rückkehr ist kein nostalgischer Akt, sondern Ausgangslage, um Anliegen und Ausdrucksformen aus der Perspektive der Gegenwart zu begegnen. «Songs to the Suns» vereint holistische und fragmentierte Ansätze, sucht eine Mehrstimmigkeit, die binäre Denkweisen zerstört und durch die Zerlegung der Ganzheit kritische und politische Fragen stellt. Im Zentrum steht der Körper als Archiv und Ort der Emanzipation.

Mit Izidora L. LETHE und Paul Maheke lädt das Cabaret Voltaire zwei zeitgenössische Künstler*innen für die Kooperation mit dem Kulturzentrum Monte Verità ein. In den recherchebasierten Arbeiten geht Izidora L. LETHE vom Körper als Ort der Wissensproduktion und Wissensspeicherung aus. LETHE ist es ein Anliegen, entpolitisierte Vorstellungen von Landschaft, Geologie oder dem Körper in Koexistenz mit seiner menschlichen und nicht-menschlichen Umgebung zu revidieren. Für den Monte Verità treibt LETHE diese Forschung weiter, mit einem Fokus auf den «dritten Weg» des Lebens sowie das Engagement der Avantgardist*innen, normierte Vorstellungen von Bewegung und Körpern zu destabilisieren. Damit würdigt LETHE das queere, weibliche, nicht-binäre/trans* oder postmigrantische und postkoloniale verkörperte Wissen, das im Laufe der Geschichte übersehen und verdrängt wurde. In der «Casa dei Russi» zeigt LETHE Zeichnungen, die als Notationen von Körperlichkeit zu verstehen sind und zu Parameter für eine «choreografierte Intervention» werden. Eine Gruppe von klassisch ausgebildeten und nicht ausgebildeten «Tänzer*innen» führt die Intervention auf. Begleitet werden diese Arbeiten von einer Klangintervention und feinen skulpturalen Arbeiten, die sich über das gesamte Gelände erstrecken.

Paul Mahekes künstlerisches Interesse gilt dem sozialen Konstrukt der Körperlichkeit, dem Unsichtbaren und den Kräften, die unsere Körper und Identitäten beeinflussen und informieren. Wie bei den Avantgardisten funktioniert der Körper nicht mehr nur als Instrument der ästhetischen Repräsentation, sondern verwandelt sich in eine Quelle der Erfahrung und Befreiung. Kunst wird zur Katharsis an einem Ort, der für Gegennarrative und kollektive Auseinandersetzungen offen ist. Der Künstler zeigt im «Spazio Piscina» eine Installation aus mit Textfragmenten bedruckten Stoffbahnen, in deren Mitte er am Eröffnungsabend tanzt, begleitet von einem Soundtrack, den sein Bruder Simon komponiert hat und zu dem Maheke selbst ein Voice-Over spricht. Die seit dem ersten Lockdown im Jahr 2020 geschriebenen Texte handeln von Verletzlichkeit und Verkörperung. Für die Performance trägt Maheke einen Durag, ein Kopftuch afrikanischer Herkunft, das seit den 1970er Jahren Teil der afroamerikanischen Jugendkultur ist und von der weissen Mainstream-Kultur in einen rassistischen Signifikanten verwandelt wurde, der mit Gang-Kultur und Gefangenen assoziiert wird. Maheke versucht so, die in die Kleidung eingeschriebenen Zeichensysteme zu demontieren.

Die künstlerischen Beiträge werden von einem Gespräch mit Christa Baumberger, Sophie Doutreligne und Minna Salami ergänzt. Sophie Doutreligne untersucht in ihrer Dissertation weibliche Dada-Performances im Cabaret Voltaire und auf dem Monte Verità. Indem die Kunstgeschichte den Text und die Fotografie gegenüber Bewegung und Prozessen priorisiert, fielen die weiblichen Tanzkörper aus dem Blickfeld. Doch gerade durch ihre körperlichen Interventionen kritisierten Sophie Taeuber-Arp, Emmy Hennings oder Suzanne Perrottet die herrschenden Konzepte von Logik und Identität. Christa Baumberger hat zu Dada geforscht, ist Mitherausgeberin der Prosaausgabe Emmy Hennings im Wallstein Verlag und war von 2009 bis 2018 Kuratorin des Nachlasses von Emmy Hennings, Friedrich Glauser und Robert Walser am Schweizerischen Literaturarchiv Bern. Sie führt zum Thema Dada und Ascona ein. Die Gedanken der Journalistin und Autorin Minna Salami, die kürzlich ihr vielbeachtetes Buch «Sensuous Knowledge: A Black Feminist Approach for Everyone» veröffentlichte, helfen die Brücke zwischen dem historischen Erbe und den künstlerischen Interventionen von LETHE und Maheke zu schlagen. Sie analysiert unter anderem das europatriarchale Wissen als eine Weltanschauung, die Fragmentierung, Polarisierung und Spaltung im Kern sieht. Holistische Ansätze würden dieses trennende Denken zwischen Races, Geschlechtern oder der nicht-menschlichen natürlichen Welt und den Menschen stören.

Izidora L. LETHE, CHOREOGRAPH(VS), «Peristyle», 2019–2020, Contemporary Jewish Museum, San Francisco. Photo: Dallis Willard

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«Songs to the Suns»
Cabaret Voltaire on Monte Verità
Izidora L. LETHE, Paul Maheke
Christa Baumberger, Sophie Doutreligne and Minna Salami

14.08.2021–02.10.2021
Opening: 14.08.2021, 16:00–22:00

Monte Verità – like Cabaret Voltaire – is considered one of the most important places of the avant-garde, whether in relation to art, theory or lifestyle. It is therefore not surprising that artists from the Zurich Dada circle spent their summers on the hill in Ascona. There, Sophie Taeuber-Arp, Emmy Hennings, Hans Arp or Hugo Ball attended Rudolf von Laban's courses, danced, held exhibitions and gave parties. Both at Cabaret Voltaire and on Monte Verità, liberation from both physical and linguistic conventions was central. The Lebensreform strove to free society from the stiff corset of bourgeois constraints through vegetarianism, expressive dance, naturopathy, light- and sun-bathing, free-body culture and reform clothing. The primary focuses of their «third way» between capitalism and communism were the individual, the body, and a way of life that was as «close to nature» as possible. Yet, their critique of progress and their interest in a mythical past later found its way into fascistoid thinking. Numerous life-reformist ideas live on in today’s industries based around self-optimization and health. But they also appear where thinking through the body and its movements seeks to further challenge social categories – and certainly in the search for alternative models of communally organized and shared life. However, the parameters around bourgeoisie, identity, and knowledge have changed and need to be looked at from a new perspective. This return is not a nostalgic act, but rather a starting point to examine concerns and forms of expression from the perspective of the present day. «Songs to the Suns» combines holistic and fragmented approaches, seeks a polyphony that destroys binary ways of thinking, and poses critical and political questions through the dissection of wholeness. At the center is the body as archive and site of emancipation.

With Izidora L. LETHE and Paul Maheke, Cabaret Voltaire invites two contemporary artists for a cooperation with Monte Verità Cultural Centre. In their research-based works, Izidora L. LETHE starts from the body as a place of knowledge production and knowledge storage. LETHE is concerned with revising depoliticized notions of landscape, geology, or the body in coexistence with its human and non-human environment. For Monte Verità, they take this research further, with a focus on the «third way» of life and the avant-gardists’ commitment to destabilizing normative notions of movement and bodies. In doing so, LETHE pays tribute to the queer, female, non-binary/trans* or post-migrant and post-colonial embodied knowledge, that has been overlooked and repressed throughout history. At «Casa dei Russi», LETHE shows drawings that are to be understood as notations of corporeality and become parameters for what the artist calls «choreographed intervention», performed by a group of classically trained and non-trained «dancers». These works will be accompanied by a sound intervention and fine sculptural works that extend across the entire site.

Paul Maheke’s artistic interests lie in the social construct of corporeality, the invisible, and the forces that influence and inform our bodies and identities. As in the case of the avant-gardists, the body no longer functions merely as an instrument of aesthetic representation but is transformed to a source of experience and liberation. Art becomes a catharsis in a place that is open to counter-narratives and collective confrontations. In the «spazio piscina», the artist shows an installation of fabric panels printed with text fragments, in the middle of which he dances on the opening evening, accompanied by a soundtrack composed by his brother Simon, and featuring a voiceover by Maheke himself. The text, written since the first lockdown in 2020, deals with vulnerability and embodiment. For the performance, Maheke wears a durag, a headscarf of African origin, which has been part of African-American youth culture since the 1970s, and which mainstream white culture has turned into a racial signifier associated to gang culture and prisoners. Maheke thus attempts to dismantle the sign systems inscribed in clothes.

The artistic contributions are complemented by a conversation with Christa Baumberger, Sophie Doutreligne and Minna Salami. Sophie Doutreligne is researching female Dada performances at Cabaret Voltaire and on Monte Verità. By prioritizing text and photography over movement and processes, art history has lost sight of female dance bodies. Yet it was precisely through their physical interventions that Sophie Taeuber-Arp, Emmy Hennings and Suzanne Perrottet criticized the prevailing concepts of logic and identity. Christa Baumberger has researched Dada, is co-editor of the prose edition of Emmy Hennings at Wallstein Verlag and was curator of the estate of Emmy Hennings, Friedrich Glauser and Robert Walser at the Swiss Literary Archives in Bern from 2009 to 2018. She will introduce the topic of Dada and Ascona. The thoughts of the journalist and author Minna Salami, who recently published her acclaimed book «Sensuous Knowledge: A Black Feminist Approach for Everyone», help to bridge the gap between the historical legacy and the artistic interventions of LETHE and Maheke. Among other things, she analyses europatriarchal knowledge as a worldview that sees fragmentation, polarisation and division at its core. Holistic approaches would disrupt this divisive thinking between races, genders or the non-human natural world and humans.

Paul Maheke, Sènsa (exerpts), 2019, Paul Maheke performing inside his exhibition «OOLOI» at Triangle France – Astérides, Marseille. Photo: Jean-Christophe Lett

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