Eröffnung: 30. April 2022, 18:00–03:00
Ausstellungsdauer: 30.04.2022–09.07.2023

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Im Eingangsbereich befindet sich neu eine Bar, die jeweils für ein Jahr von einer künstlerischen Position bespielt wird und das Haus zur Münstergasse hin öffnet. In ihrer Bezeichnung «Künstler*innenkneipe» referiert die Bar auf den ursprünglichen Namen des Cabaret Voltaire: Die Dadaist*innen eröffneten ihren Kunstraum 1916 ursprünglich als «Künstlerkneipe Voltaire». Mit dem Genderstern wird die Setzung aktualisiert, die Verschränkung von Kunst und Gastronomie aber weitergetragen. Das Cabaret Voltaire lädt Menschen ein, sich ohne museale Absperrungen inmitten von Kunst zu begegnen.

Den Anfang macht Ilaria Vinci (*1991) mit ihrer Ausstellung «Phoenix Philosophy Café». Vinci erforscht in ihrer Praxis das, was sie als «Zone der Fantasie» bezeichnet: Der Bereich in der menschlichen Psyche, in dem sich Selbst- und Weltwahrnehmung treffen und verschwimmen. Die Künstlerin geht der Frage nach, was Realität ausmacht und wie Menschen kommunizieren und imaginieren. Dazu schafft sie Installationen, kreiert Requisiten und Schriftzüge, die sich visuellem und sprachlichem Vokabular bedienen, beim Alltäglichen ansetzen, immer aber ins Phantastische kippen.

Für «Phoenix Philosophy Café» ging Ilaria Vinci von einer besonderen Form von Feuerstelle aus, die ihren Ursprung in Süditalien um 1900 hat: Eine Art Wohnnische, in der sich Menschen versammeln, Geschichten austauschen, debattieren, essen, trinken oder zusammen spielen. Die teilweise leicht angebrannten Möbel, die die Künstlerin für die Ausstellung durch gekonnte malerische Effekte schuf, unterstreichen diese Referenz. In Grautönen gehalten, wirken die Tische und Stühle allerdings leicht entrückt, wie aus einem alten Schwarzweiss-Film. Ganz im Kontrast dazu erinnern die buntflackernden Flammen im Hintergrund an Tiffany-Leuchten, eine spezielle Technik der Glasverarbeitung im Jugendstil. Die Feuerstelleästhetik – dazu gehören auch die von Vinci designten Ziegelsteinkissen in digitaler Ästhetik – kippen mit den Lampen in eine avantgardistische Grand-Café-Atmosphäre. Sowohl die Feuerstelle als auch das Café sind Orte der Begegnung und des Austausches, wobei dem Feuer eine spezielle ästhetische und soziale Kraft zukommt.

Um das Lagerfeuer herum zeigen sich individuelle Gesichter und Gedanken besonders nuanciert, dann verschwinden sie in einem kollektiven Schattenspiel. Flammen fesseln, sie beruhigen, sie wühlen auf. Im lodernden Feuer finden oder verlieren sich Blicke. Die Feuerstelle (und auch das Café) scheint ein Ort zu ein, an dem sich existentialistische Fragen besonders offenbaren: also Auseinandersetzungen mit gelebten Erfahrungen und die Sicht auf ein Individuum als etwas, das in seinem Wesen nicht vorbestimmt ist, sondern erst zu dem wird, was es ist, indem es sich selbst schafft – abhängig von den Situationen, in welchen sie sich wiederfinden. Die grosse gestische Acrylmalerei, teilweise in Airbrush-Technik, in der Nische an der hinteren Wand deutet auf solche Gedankenspiele an.

An der linken unteren Bildhälfte befinden sich drei brennende Kerzen, die mal klarer, mal abstrakter als «I» (deutsch «Ich») gelesen werden können. Spätestens ausgelöst wird diese Assoziation, wenn der Blick auf die vielen Buchstaben «I» schweift, die an ein konkretes oder dadaistisches Gedicht erinnern. Die Wiederholungen von «I» als «Ich» lösen unterschiedliche Gedankenketten aus. Beispielsweise zur gegenseitigen Abhängigkeit der vielen einzelnen Ichs, wodurch die Frage aufkommt, wo das kollektive «Wir» stehen soll. Als deutschsprechende Person führt die Aussprache des englischen «I» absurderweise zum «Ei» (engl. «egg»), das den Schwerpunkt des Gemäldes bildet. Im Gegenüber des in Flammen stehenden Eies und der Kerzen liegt die Überlegung nahe, dass weniger Vergänglichkeit, sondern die Auseinandersetzung mit Lebens- und Gedankenzyklen dem Bild zugrunde liegen. Vinci schafft eine Bildsituation, die sich jeden Moment ändert, ein Transformationsprozess, bei dem nicht klar ist, ob bald etwas Neues aus dem Ei schlüpft oder ausgebrannte Schalen zurückbleiben.

Das brennende Ei auf dem Nest ist eine Referenz an die mythologische Figur des Phönix, die sich in der Ausstellung immer wieder erkennen lässt, etwa auf beiden flankierenden Säulen der Kaminkonsole. Phönix ist die Geschichte eines fabelhaften Vogels, angeblich gross wie ein Adler, mit scharlachrotem und goldenem Gefieder, der sich mit wohlklingenden Schreien mitteilte. Als sich das Leben des Vogels dem Ende zuneigte, baute er sich in der Sonnenstadt Heliopolis ein Nistplatz aus duftenden Zweigen und Gewürzen, zündete das Nest an und verbrannte in den Flammen. Aus dem Scheiterhaufen stieg ein junger Phönix hervor, weshalb die Geschichte zur Metapher für Wiedergeburt und Resilienz wurde. Die Redewendung «wie Phönix aus der Asche» steht aber auch für den Zusammenbruch eines alten Systems und das Aufkommen alter Werte im neuen Gewand – im Dada-Haus und dem Kontext damaliger und aktueller Ereignisse eine bemerkenswerte Referenz.

Eine weitere Bezugnahme ist die Sage des Prometheus, eine der bekanntesten literarischen Figuren. Auch in dieser Geschichte kommt dem Feuer eine wichtige Rolle zu, wenn es um die Handlungsmacht der Menschen geht. Prometheus gilt als Feuerbringer und Kulturbringer, als Begründer menschlicher Zivilisation. Je nach Interpretation gilt er als mutiger Rebell gegen unterdrückende Narrative oder als fortschrittsgläubige Übersteigerung des Menschen.

Die Ausstellung von Vinci ist kein Ort traditioneller Kontemplation von Kunstwerken, sondern auch eine Sitzecke, in der Menschen mit unterschiedlichen Geschichten zusammenfinden und miteinander interagieren; sich selber und andere entdecken. Es geht um den Prozess der Gedankenbildung, der Mitteilungsform und (existentialistisch gedacht) um Momente der Entscheidungen. Vielleicht kann auch der Kunstraum als ein solcher Brutkasten verstanden werden: In der Auseinandersetzung mit grossen, existentiellen und zeitübergreifenden Fragen reifen Impulse für Veränderungen.

Neben der Tatsache, dass die Ausstellung auch Bar ist, ziehen sich Vincis Eingriffe in weitere Bereiche des Betriebs: Zur Ausstellung gehört beispielsweise der Cocktail «Smoky Tear», ein rauchiges Getränk mit Smoke Bubbles, und immer wieder sollen Soireen und diverse Aktivierungen stattfinden: Lesungen, ein gemeinsames Schachspielen oder ein Filmabend sind geplant. In «Phoenix Philosophy Café» verschwimmen Kunsterfahrung und Gastronomie, Ausstellung und Veranstaltungen.

Zur Eröffnung am 30. April 2022 findet die erste Rahmenveranstaltung statt, die auch den Gewölbekeller und den Historischen Saal einnimmt, den Blick auf die neuen architektonischen Eingriffe aber trotzdem zulässt. Phönix zieht von Raum zu Raum, entfacht Feuer, das wieder erlischt und an einem anderen Ort entzündet. Den ewigen Kreislauf weiterdenkend, widmen sich die Beiträge unter anderem dem Sampling und der Wiederholung mit Differenz als künstlerische Praxis. Entsprechend dem verbindenden und zerstreuenden Gedanken des Feuers – und dem dadaistischen Erbe folgend – versammeln sich im Haus unterschiedliche Klänge und Bewegungen. Die Performance «When Darkness», die als Teil der Ausstellung zu verstehen ist, setzt sich zusammen aus einem Live-Soundpiece von Rafal Skoczek und Jamira Estrada, das als Soundtrack zur Ausstellung «Phoenix Philosophy Café» bestehen bleibt, und einer Tanzperformance der Gruppe Stay Kids (mit Ave, Sunny, Tiny, Mary, Anaïs, Arun und Milo) mit Kostümen von Ronja Varonier.

Wir danken Serena Scozzafava für die Hilfestellung bei der Produktion der Textilien, die als Kissenbezüge benutzt werden.

Ilaria Vinci, Miss Phoenix, 2022

Opening: 30. April 2022, 18:00–03:00
Exhibition: 30.04.2022–09.07.2023

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In the entrance area there is now a bar, which is occupied by an artistic position for one year at a time and opens the house towards Münstergasse. In its designation as «Künstler*innenkneipe» (Artists’ Bar), the bar refers to the original name of the Cabaret Voltaire: the Dadaists originally opened their art space in 1916 as the «Künstlerkneipe Voltaire». With the gender star, the setting is updated, but the intertwining of art and gastronomy is carried forward. The Cabaret Voltaire invites people to meet without museum barriers in the midst of art.

Ilaria Vinci (*1991) kicks things off with her exhibition «Phoenix Philosophy Café». In her practice, Vinci explores what she calls the «Zone of Fantasy»: the area in the human psyche where self-perception and world-perception meet and blur. The artist explores what constitutes reality and how people communicate and imagine. To this end, she creates installations, props and writings that make use of visual and linguistic vocabulary, start with the everyday, but always tip over into the fantastic.

For «Phoenix Philosophy Café» Ilaria Vinci took as her starting point a particular type of fireplace that has its origin in the south of Italy in the beginning of 1900: A kind of living alcove where people gather, share stories, debate, eat, drink, or play together. The partially burnt furniture, which the artist created through skillful paint effects, underline the reference to the fireplace. Kept in shades of gray, the tables and chairs however seem slightly removed, as if from an old black-and-white film. In complete contrast, the colorful flickering flames in the background are reminiscent of Tiffany lamps, a special technique of glass processing in the Art Nouveau style. The fireplace aesthetic – which includes brick pillows designed by Vinci with a digital aesthetic – in connection with the lamps turns into an avant-garde grand café atmosphere. Both the fireplace and the café are places of encounter and exchange, with fire having a special aesthetic and social power.

Individual faces and thoughts appear particularly nuanced around the fireplace, then disappear in a collective play of shadows. Flames captivate; they have a calming and stirring effect. In the blazing fire, gazes meet and lose each other again. The fireplace (and also the café) seems to be a place where existentialist questions are particularly revealed. This refers to the examination of lived experiences and the view of an individual as something that is not predetermined in its essence, but only becomes what it is by creating itself – depending on the situations into which they have been thrown. The large gestural acrylic painting, partly in airbrush technique, in the alcove on the back wall hints at such musings.

On the lower left half of the picture are three burning candles, which can be read sometimes more clearly, sometimes more abstractly as «I» (German «Ich»). At the latest, this association is triggered when the eye wanders to the many letters «I», reminiscent of a concrete or Dadaist poem. The repetitions of «I» as «I» trigger different chains of thought. For example, on the interdependence of the many individual «I»s, raising the question of where the collective «we» should stand.

As a German speaker, the pronunciation of the English «I» absurdly leads to the German word «Ei» (English: «egg»), which is the focal point of the painting. In the juxtaposition of the burning egg and the candles, it is suggested that it is not so much transience as the examination of cycles of life and thought that underlie the painting. Vinci creates an image situation that changes every moment, a transformation process in which it is not clear whether something new will soon hatch from the egg or burnt-out shells will remain.

The burning egg on the nest is a reference to the mythological figure of Phoenix, which can be seen throughout the exhibition, for example on both the flanking columns of the fireplace console. Phoenix is the story of a fabulous bird, allegedly as large as an eagle, with scarlet and gold plumage, which communicated with melodious cries. When Phoenix‘s life approached its end, the bird built a nest for itself in Heliopolis, the city of sun, out of fragrant twigs and spices, set the nest on fire, and burned in the flames. A young Phoenix emerged from the pyre, which is why the story became a metaphor for rebirth and resilience. However, the phrase «like Phoenix from the ashes» also stands for the collapse of an old system and the emergence of old values in a new guise – a remarkable reference regarding the Dada house and the contexts of then and now.

Another reference is the legend of Prometheus, one of the most famous literary figures. In this story, too, fire plays an important role when it comes to man‘s power to act. Prometheus is considered the bringer of fire and culture, the founder of human civilization. Depending on the interpretation, he is seen as a courageous rebel against oppressive narratives or as a progressive exaggeration of man.

Vinci‘s exhibition is not only a place of traditional contemplation of art works – that is, a concentrated viewing of works of art according to certain ideas – but also a sitting area where people with different stories come together and interact with each other; discovering themselves and others. It is about the process of thought formation and the form of communication, as well as (thinking existentially) about moments of decision-making. Perhaps the art space, too, may be understood as such an incubator: In the engagement with big, existential, and time-transcending questions, impulses for change mature.

In addition to the fact that the exhibition is also a bar, Vinci‘s interventions extend into other areas of the operation: the exhibition includes, for example, the cocktail «Smoky Tear», a smoky drink with smoke bubbles, and soirees and various activations are to take place again and again: Readings, a joint chess game or a movie night are planned for the coming months. In «Phoenix Philosophy Café», art experience and gastronomy, exhibitions and events blur.

For the opening on April 30, 2022, the first fringe event will take place, which will also occupy the Vaulted Cellar and the Historic Hall, while still allowing a view of the new architectural interventions. Phoenix moves from room to room, kindling fires that go out again and ignite in another place. Continuing thinking about the eternal cycle, the contributions are dedicated to sampling and repetition with difference as an artistic practice, among other things. In line with the unifying and dispersing idea of fire – and following the Dadaist legacy – different sounds and movements gather in the house. The performance «When Darkness», to be understood as part of the exhibition, consists of a live sound piece by Rafal Skoczek and Jamira Estrada, which will remain the soundtrack to the exhibition «Phoenix Philosophy Café» by Ilaria Vinci, and a dance performance by the group Stay Kids (with Ave, Sunny, Tiny, Mary, Anaïs, Arun and Milo) with costumes by Ronja Varonier.

We thank Serena Scozzafava for her assistance in the production of the textiles used as pillowcases.

Ilaria Vinci, Miss Phoenix, 2022