Eröffnung: 20. Mai 2022, 18:00

Die kunsthandwerklichen Objektlandschaften von ektor garcia (*1985) brechen mit Erzählformen, die bestimmte Bedeutungen suchen, ohne geschichtsvergessen zu sein. Sie sind punk und queer. Durch veränderte Konstellationenproduziert garcia immer wieder neue, bedeutungsoffene Beziehungen, welche sich dem Drang, Kategorien und Hierarchien herzustellen, widersetzen. Dennoch beruhigen die Arbeiten durch ihre Sinnlichkeit, das feinfühlige Arrangement der Objekte und die vielen inhaltlichen Fährten, die aufgenommen werden können.

Im Cabaret Voltaire zeigt ektor garcia eine temporäre Konstellation aus bunten Häkelarbeiten, Metall- und Keramikskulpturen – und erstmals auch handgemachtes Papier mit Kupferdraht und Wolle, welche sich in den Raum ausdehnen. Die Arbeiten entstanden teilweise in Mexiko-Stadt, wo der Künstler hauptsächlich lebt, vor allem aber in Zürich, Berlin, Paris und Venedig. An diesen Orten knotete, strickte, modellierte und häkelte der Künstler in den letzten Wochen täglich für die Ausstellung «nudos de tiempo». Durch seine nomadische Praxis ist sein Werk dauerhaft neuen Einflüssen und Perspektiven ausgesetzt. Diese schreiben sich allerdings nicht fest, die Arbeiten bleiben zu jedem Zeitpunkt fluide und verweigern sich festen Zuschreibungen. Zu dieser Offenheit trägt auch bei, dass die Objekte aufgrund der teilweise ungewöhnlichen Verbindung von Materialien und Techniken aus kunsthandwerklichen Traditionen herausgelöst werden.

Einige Häkelarbeiten erinnern an Werke der US-Fiber-Art-Bewegung der 1960er Jahre, welche die Geschlechterteilung anhand der weiblich geprägten Heimarbeit thematisierten. garcia nutzt die emanzipatorische Kraft des Häkelns, erweitert das feministische Materialvokabular allerdings: für typischerweise aus weichen Materialien hergestellte Werke wählt er auch Sperriges wie Leder oder Draht. Resistente Objekte wie Ketten formt garcia aus zerbrechlicher Terrakotta.

Keramik und Textilien sind eine der ältesten und bedeutendsten Kulturtechniken. So wurden beispielsweise Fasern von Hochkulturen, Folk-Art und Protestbewegungen als Kommunikationssysteme eingesetzt. Die Knotenschrift Quipu aus dem Inkareich wurde ab dem 7. Jahrhundert als ausgeklügeltes Zählsystem und für einfache Korrespondenz verwendet. In den sinnlich geknoteten Ketten oder Mäander Motiven von garcia vermengen sich kunsthandwerkliche Spuren indigener Bevölkerung aus Mittel- und Nordamerika mit Volkskunst, popkulturellen und digitalen Einflüssen. Es bleibt unklar, ob die Häkelmuster einer spezifischen handwerklichen Tradition folgen, der Imagination des Künstlers entspringen oder als beliebige Mustervorlage aus dem Internet stammen.

Die Ausstellung «nudos de tiempo» von garcia findet Anschluss an das Dada-Erbe des Cabaret Voltaire. Dadaist*innen versuchten eine künstlerische Sprache zu finden, die für alle funktioniert und Autoritäten kritisiert. Dazu bedienten sie sich Materialien, die zuvor nicht der Kunst zugeordnet wurden, verschrieben sich dem Prozess, dem Mit- und Nebeneinander. Allerdings bedienten sie sich dazu nicht-europäischen Kulturen und vereinnahmten «das Andere» für eine eurozentristische Vorstellung von Kunst und ignorierten koloniale Machtverhältnisse.

Der Auftritt im Cabaret Voltaire ist die erste institutionelle Einzelausstellung von ektor garcia in der Schweiz, kuratiert von Fabian Flückiger und Salome Hohl in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler.

ektor garcia erwarb einen BFA am Art Institute of Chicago und einen MFA an der Columbia University. Einzelausstellungen wurden ihm von Henry Art Gallery (Seattle), Empty Gallery (Hongkong), Progetto (Lecce), Sculpture Center (New York) und Museum Folkwang (Essen) gewidmet. Seine Arbeiten waren in zahlreichen Gruppenausstellungen zu sehen, unter anderem bei der Hangzhou Triennial of Fiber Art (China), im New Museum (New York), im El Museo del Barrio (New York) und im Prospect (New Orleans).

Einladungskarte ektor garcia «nudos de tiempo», Cabaret Voltaire 2022

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