Wissen in Gesellschaft #18

IST THEORIE POLITISCH?

Vortrag von Prof. Dr. Robert Stockhammer (Literaturwissenschaft, LMU München),

anschliessend Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Kilcher (Literatur- und Kulturwissenschaft, ETH Zürich/ZGW).

«Theorie» ist politisch. Diese heute verbreitete Vorstellung ist eine wesentliche Folge der Sprachtheorie-Debatten um 1967 im Grenzbereich von Philosophie und Literatur. Sprache wurde hier nach ihrer grundsätz- lichen gesellschaftlichen Funktion befragt. Konkret wird dies etwa in Konzepten wie Intertextualität (Julia Kristeva) oder bei der Infragestellung des Autors (Roland Barthes) sowie in der Diskussion von Flugblättern im Mai 1968 (Maurice Blanchot). Das Unterfangen einer «Sondierung der Basisstruktur von Sprache» (Walter Höllerer) strahlte zudem über Literaturtheorie hinaus, etwa in die wissenschaftlichen Unternehmungen der Kybernetik und der Mathematik – Kontexte, auf die sich etwa auch Jacques Derridas Schriftbegriff ausdrücklich bezieht.

Heute besteht das Vorurteil, solche sprachtheoretischen Bestrebungen liefen auf Beliebigkeit hinaus und begünstigten gar eine reaktionäre Politik. Auf der Veranstaltung soll die These diskutiert werden, dass diese Formationen von (Sprach-)Theorie zwar vielleicht nicht unmittelbar emanzipatorisches Gegenwissen zur Verfügung stellen, aber doch die Bedingungen seiner Möglichkeit erkunden. Diese kritische Widerständigkeit der Sprachtheorie ist daher nicht ad acta zu legen; sie hat eine besondere Aktualität angesichts jüngster politischer Entwicklungen, in denen Sprache zwischen «fake news» und «political correctness» entleert und zugleich manipulativ eingesetzt wird.

Robert Stockhammer ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der LMU München, dort auch Sprecher des Graduiertenkollegs Formationen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung sowie Mitglied der Forschungsgruppe Philologie des Abenteuers. Jüngste Buchpublikation: 1967. Pop, Grammatologie und Politik (2017).

Andreas Kilcher ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich sowie Mitglied des Zentrum »Geschichte des Wissens«. Jüngste Buchpublikation zum Gebiet Sprachtheorie und Sprachpolitik: Deutsche Sprachkultur in Palästina/Israel (2017).

Eine Veranstaltung des Zentrum «Geschichte des Wissens»

www.zgw.ethz.ch

www.zgw.uzh.ch

Go back