The Day Teaches The Day

Does dies diem docet mean anything?

Answer: yes. or no.

 

Sophie Jungs Performative Installation im Cabaret Voltaire

16.03.2019 – 19.01.2020; Vernissage 15.03.2019 19:00 – 21:00

Kuratiert von Vlada Maria Tcharyeva (CH) und Adrian Notz (CH)

 

Es freut uns sehr mit Sophie Jung, die bereits vor zehn Jahren mit uns arbeitete, eine begnadete Performerin im Cabaret Voltaire zu zeigen, die geschickt das Objektige in Worte und das Wortige in Objekte verwebt. Da sie ein grosses Interesse am flüchtigen, multiplen Wesen der Objekte hat, sie meinen und scheinen lässt, ohne sie zu einer statischen Metapher für bestimmte Bedeutung werden zu lassen, könnte man argumentieren, dass sie ganz auf der Linie der Dadaist/innen und ihrer Readymades ist.

Wie die Dada Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven damals weiterging als Marcel Duchamp – sie war wahrscheinlich auch die Entdeckerin der Readymades und sagte von sich «Ich bin Kunst!» – so geht auch Sophie Jung weiter. Ein Objekt in ein Museum zu stellen mit der Behauptung, es sei bedeutende Kunst, das reicht ihr nicht. Jung arrangiert die Objekte zu Konstellationen, die nicht mehr nur ein Selbstgespräch an den Besucher richten, sondern unter sich in einen collagierten Dialog treten, dessen flexiblen Manifestationen wir beiwohnen können.

Die Kunst, die Jung mit den Objekten schafft, ist nicht wie bei Duchamp eine Behauptung, sondern sie ergibt sich aus der ästhetischen Komposition; ein scheinbar lockeres Zusammentreffen von Gefundenem für einen kurzen Moment. «…wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!»

Wie die Baroness von Freytag-Loringhoven ist auch Jung eine Dichterin. Sie nutzt ihre gebauten Assemblagen, um sie zu schein-autonomen Subjekten zu machen, die selbst sprechen, gewissermassen ihre Einbildungskraft freisetzen und auf allen Ebenen ihres Wesens, sei das Material, Lautmalerei des Namens, Gebrauchsassoziationen, formale Ähnlichkeit, etc., anfangen zu sinnieren und zu un-sinnieren. Diese Lesefragmente bleiben nicht ausserhalb der Objekte, sondern werden durch die Performances von Jung zu einer Einheit in ihrer Person. Sie ist ihr Medium und gibt ihnen eine immer wieder virtuos re-arrangierte, poly-vokale Stimme. Jung hält es, so könnte man im Kontext des Cabaret Voltaire vermuten, mit Hugo Ball, der in den ersten Monaten seiner Aktivitäten am Geburtsort notierte: «Nirgends so sehr als beim öffentlichen Vortrag ergeben sich die Schwächen einer Dichtung. […] Das laute Rezitieren ist mir zum Prüfstein der Güte eines Gedichtes geworden, und ich habe mich (vom Podium) belehren lassen, in welchem Ausmasse die heutige Literatur problematisch, das heißt am Schreibtische erklügelt und für die Brille des Sammlers, statt für die Ohren lebendiger Menschen gefertigt ist.» (Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit. München, Leipzig 1927, S. 81 f.)

Diese «Podiums-Prüfung» markiert einen der ersten Momente der Geschichte der Performance. Für die Avantgarde war das Podium immer wieder der Prüfstein ihrer Manifeste und Ideen. Für die Kunst nach dem zweiten Weltkrieg, in welcher der Begriff Performance aus der Sprechakttheorie erst übernommen wurde, war die Interaktion mit dem Publikum ebenso essenziell. Ob in Video, geschriebenen Performances oder live, ist der Sprechakt, der Moment, in dem sich der gegenwärtige ungespielte Körper dem Publikum vorzeigt, der Prüfstein des Podiums.

In ihrer Arbeit für das Cabaret Voltaire geht Sophie Jung nun gleich zwei Schritte weiter, indem sie ihr Publikum bittet dasselbe zu tun. In den Wänden ihres bislang grössten Objektes, im Inneren des Cabaret, entzieht sie sich als Körper des Sprechaktes und übergibt Komposition und Lesemodus an den Duktus ihrer Besucher/innen. Jung führt somit die Idee des skulpturalen Monuments und Gesamtkunstwerks weiter: Sie übergibt dem Publikum selbst die Verantwortung für die Zusammenkunft von Wort und Ort. So regt Jungs Eingriff nicht nur zur Performance an, sondern macht die «Installation», i.e. das Cabaret Voltaire» selbst performativ und schafft so im besten Sinne des Begriffs eine performative Installation.

Dadurch also, dass Sophie Jung unterschiedlichstes Inventar auf unterschiedliche Weise (und doch so einfach es das Untergrundmaterial nur zulässt) mit Sprachfragmenten versieht, ist es der Körper der Besucher/innen, der durch Bücken, Drehen, rauf und runter Gehen einen spezifischen, jedoch nie konkludierenden Text arrangiert und im nie endenden, «sozialen» Gesamtkunstwerkes «mit-ersteht».

Cabaret Voltaire

Das Cabaret Voltaire – Geburtsort von Dada – ist ein Denkmal. Es erinnert an die künstlerische Revolution der Avantgarde und appelliert ans Ohr der Zukunft, diese Revolution weiter zu führen. Vielleicht markiert diese monumentale Präsenz das Haus als Gesamtkunstwerk, welches ein Zusammenbringen verschiedener Disziplinen und Sparten der Kunst zu einem einheitlichen Werk verformt. Kurt Schwitters historisches «Merzgesamtkunstwerk» ist noch mehr als das, was Harald Szeemann (1984) treffend auf den Punkt brachte: «Das Gesamtkunstwerk ist die Fiktion eines Einzelnen mit dem Blick auf das Ganze, das er sich als Einzelner vorstellt.»

Mit der performativen Installation wollen wir uns dieser Idee annähern und übergeben die Architektur des Cabaret Voltaire jedes Jahr einer einzelnen Künstlerin oder einem Künstler. Eingeleitet mit Carlos Amorales’«Learn To Fuck Yourself» führen wir die Idee dieses Jahr mit Sophie Jung weiter, die sich nun dem Dada Monument mit einer fragmentarischen Textintervention zuwendet, um es in dauernder Gelesenheit in ein nie stillhaltendes Jetzt zu bringen.

Unterstützung

Die Performative Installation «The Day Teaches The Day» von Sophie Jung wird grosszügig unterstützt von Stadt Zürich Kultur, Nestlé Fondation pour l’Art, Ernst Göhner Stiftung, Avina Stiftung, Ars Rhenia und der Elisabeth Weber Stiftung.

Weitere Auskünfte

Adrian Notz
Direktor des Cabaret Voltaire

adrian.notz@cabaretvoltaire.ch

043 268 08 44

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