Willkommen im Cabaret Voltaire, dem Geburtsort von Dada.

„So stellten sich 1913 Welt und Gesellschaft dar: das Leben ist völlig verstrickt und gekettet. Eine Art Wirtschaftsfatalismus herrscht und weist jedem Einzelnen, mag er sich sträuben oder nicht, eine bestimmte Funktion und damit ein Interesse und seinen Charakter an. … Gibt es irgendwo eine Macht, stark und vor allem lebendig genug, diesen Zustand aufzuheben?"

(Hugo Ball, „Die Flucht aus der Zeit“, 1927)

1914 brach der erste Weltkrieg  aus und wurde in einem Stellungskrieg in den Schanzengräben zwischen Frankreich und Deutschland geführt. Die neutrale Schweiz dagegen ist ein „Vogelkäfig, umgeben von brüllenden Löwen“, wie Hugo Ball sagt und wird zu einem Zufluchtsort für Intellektuelle, Wissenschafter, Dichter und Künstler, die, wie Hans Arp das beschreibt, dort singen, malen, kleben, dichten, tanzen und nach einer elementaren Kunst suchen, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen soll und nach einer neuen Ordnung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle herstellt.

Die Jahrhundertwende ist auch die Zeit von grossen Paradigmenwechsel in Philosophie, Kunst, Literatur, Psychoanalyse, Wissenschaft und natürlich Politik. Die Dadaisten richteten ihren Protest gegen eine Gesellschaft, die von Wirtschaftsfatalismus und Rationalitätswahn getrieben wird. Sie protestierten gegen den Ersten Weltkrieg als eine Ausgeburt dieses Wahns. Sie wollten die Hierarchien auflösen, Werte zersprengen. Sie kämpften gegen die Aufklärung und ernannten Immanuel Kant zu ihrem Erzfeind:

„Kant — das ist der Erzfeind, auf den alles zurückgeht. Mit seiner Erkenntnistheorie hat er alle Gegenstände der sichtbaren Welt dem Verstande und der Beherrschung ausgeliefert.“ (Hugo Ball)

Sie sahen, dass die Aufklärung am Menschen vorbeigeht. Und Sie wollten die Unvernunft und das Magische wieder ins Bewusstsein bringen.

Am besten kann man die Strategie von Dada mit drei Sätzen erklären die sich im ersten Dada Manifest von Hugo Ball finden:

Wie erlangt man die ewige Seligkeit?
Indem man Dada sagt.
Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt.
Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand, bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit.

Zürich

In Zürich wurde der Mythos Dada begründet. Es gibt einen Geburtsort und ein Geburtsdatum von Dada. Der Geburtsort ist das Cabaret Voltaire. Das Geburtsdatum ist der 5. Februar 1916 als Hugo Ball und Emmy Hennings das Cabaret Voltaire in Zürich eröffneten. Der erste Abend ist schon ein grosser Erfolg, wie Hugo Ball beschreibt:

„Das Lokal war überfüllt; viele konnten keinen Platz mehr finden.“

An diesem Eröffnungsabend waren auch Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco beteiligt. Eine Woche später gesellt sich Richard Huelsenbeck aus Berlin dazu. Er plädiert dafür, daß man den Rhythmus verstärkt, den Negerrhythmus, um die Literatur in Grund und Boden zu trommeln. Auch Sophie Taeuber Arp ist an den Abenden im Cabaret Voltaire zugegen und belebt mit zeitgenössischem Tanz die kubistischen Kostüme und Masken von Marcel Janco. Emmy Hennings wird indes zum Stern des Cabarets, wie die Zürcher Post berichtet. Zusammen lassen sich die sieben Dada-Begründer jeden Abend bis zum Irrsinn bis zur Bewusstlosigkeit gehen, um Dada gebären zu können.

„Ein undefinierbarer Rausch hat sich aller bemächtigt. Das kleine Kabarett droht aus den Fugen zu gehen und wird zum Tummelplatz verrückter Emotionen.“ (Hugo Ball)

„ Dada ist über die Dadaisten gekommen, ohne dass sie es wussten; es war eine conceptio immaculata.... Dada wuchs sich unter den Händen der Herren in Zürich zu einem Lebewesen aus, das bald alle Anwesenden um Haupteslänge überragte “ (Richard Huelsenbeck, 1920)

Irgendwann im April 1916, also gut zwei Monate nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire, tauchte der Begriff Dada erst auf.

Den mystischen Höhepunkt von Dada bildet der 23. Juni 1916 als Hugo Ball seine „Verse ohne Worte“, die ersten Lautgedichte als Magischer Bischof im kubistischen Kostüm vorträgt. Nachdem er bereits die ersten beiden Lautgedichte vorgetragen hat, fragt er sich wie er es zu Ende führen soll: „Da bemerkte ich, daß meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Meßgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes weh klagt. ....Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungengesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochämtern seiner Heimatspfarrei zitternd und gierig am Munde der Priester hängt. Da erlosch, wie ich es bestellt hatte, das elektrische Licht, und ich wurde vom Podium herab schweißbedeckt als ein magischer Bischof in die Versenkung getragen.“

Drei Wochen später, am 14. Juli 1916 verabschiedet sich Ball von Dada und trägt das Erste Dada Manifest im Haus Zur Waag vor, was gleichzeitig als ein Abgesang auf Dada verstanden werden kann.

Im Jahr darauf wird Dada bereits zum Programm und in der Galerie Dada am Paradeplatz werden salonfähig die Best Ofs aus dem Cabaret Voltaire aufgeführt. Die letzte Dada Soirée in Zürich findet am 9. April 1919 im Saal zur Kaufleuten statt und löst Tumulte aus, die den Saal mit seinen 1500 Gästen zum überbrodeln bringt. 

New York: Readymade

In New York finden die Dadaisten die Schlagkraft des Readymade. Und sie entdecken die Maschinenzeichnungen als neues Sujet der Malerei und das Mittel der Selbstinszenierung als Kunst. Sie machten die eigene Person zum Kunstobjekt.

Alles beginnt mit der ersten „International Exhibition on Modern Art“, der Armory Show, im Februar 1913, in der Marcel Duchamps kubofuturistische „Nue Descendant un Escalier“ und Francis Picabias „Dances at the Spring“ einen succés de scandale provozieren und damit die Ankunft der Europäischen Avantgarde in New York ankündigen.

Im Januar 1916 stellt Francis Picabia erstmals seine Maschinenzeichnungen aus.

Als die Dadaisten in Zürich im April 1916 den Namen Dada finden, boxt zur gleichen Zeit Arthur Cravan gegen Jack Johnson in Barcelona und Marcel Duchamp stellt seine ersten Readymades in New York aus.

Die Idee des Readymade findet ein Jahr später im April 1917 in der Ersten Ausstellung der Society of Independant Artists seinen Höhepunkt. Dort erregt ein Porzellan Pissoir grosse Aufmerksamkeit, das mit „R. Mutt“ unterschrieben ist und den Titel „Fountain“ trägt. Die „Fountain“ wird aus der Ausstellung ausgeschlossen, worauf Duchamp, Arensberg und Stieglitz aus Protest aus der Society of Independant Artists austreten. Mit diesem Skandal, findet das Readymade Eingang in die Kunstgeschichte und revolutioniert die Kunst. Die Fountain wird 2005 zum bedeutendsten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts ernannt.

Mit Cravan hatten die Dadaisten in New York eine Personifizierung von Dada, der mit einem Vortrag an der Ausstellung der Society of Independent Artsts für einen Skandal sorgte. Eine weitere Vertretung dieser Gilde ist die Dada Baroness. Sie bringt die Selbstbehauptung und Selbstinszenierung mit einem Satz auf den Punkt:

Ich bin Kunst. I am Art.

So wird auch Marcel Duchamp als Rose Selavy zu Kunst.

Bei strenger Betrachtung bestand New York Dada eigentlich nur aus einem Magazin und einer Konferenz, aus dem April 1921.

Eigentlich gab es für Dada in New York damals keinen Platz. Erst heute fassen wir die Zeit von 1912 bis 1922 als Dada New York Zeit auf.

In einem Brief an Tristan Tzara beschreibt Man Ray Dada in New York:
„Dada cannot live in New York. All New York is dada, and will not tolerate a rival, will not notice dada. It ist true that no efforts to make it public have been made... but there is no one here to work for it, and no money to be taken in for it, or donated to it. So dada in New York must remain a secret.“

Berlin: Propaganda

In Berlin wird Dada zu einer Propaganda - Maschine. Die Dada-Aktivisten übernehmen das Wort Dada und nutzen es für Propaganda gegen die Weimarer Republik.

„Dada in Berlin hatte eine ganz andere Klangfarbe als in Zürich und New York. Situation und Ort waren grundverschieden. In Berlin hatte man eine echte Revolution und eine, in die man einzugreifen beschloss. Es knallte auf den Strassen und von den Häuserdächern. Nicht nur die Kunst. Sondern das ganze Denken und Fühlen, die Politik und die Gesellschaft, mussten in den Wirkungskreis von Dada hineingezogen werden. Ohne Hemmungen, mit Forschheit und Rücksichtslosigkeit und mit der Begeisterung für die grösste persönliche Freiheit ging Dada an diese Aufgabe.“ Hans Richter

Im Februar 1918 bringt Richard Huelsenbeck mit der „Ersten Dada Rede in Deutschland“ Dada aus Zürich nach Berlin.

Der Dadasoph Raoul Hausmann, der Marschall-Dada George Grosz, der Monteur-Dada John Heartfield folgen ihrem Weltdada Huelsenbeck und gründen den Club Dada als Standarte des Internationalismus.

Raoul Haussmann beschreibt den Beginn von Dada so:

…Also, en avant Dada!
Nehmen wir die Unannehmlichkeiten einer freien, unabhängigen Geste auf uns! Lassen wir die Torheit des guten Geschmacks beiseite! Man muss an den Tod Gottes denken und ihn bekannt machen. Was ist Euch Jesus-Christus? Er ist Euch Wurst! Ruft der Oberdada Johannes Baader im Dom in Berlin. Verhaftet, zum Posten geführt, wegen Gotteslästerung angeklagt. Sehr gut, dass wird Lärm machen. Aktion, Aktion, vorbei die Zeit der Dichtung auf geschwärztem Papier, diese individuelle Eitelkeit.“

Im Sommer 1918 stellt sich eines Abends im Café des Westens Kurt Schwitters dem Dadasophen Raoul Hausmann vor. Er will gerne dem Club Dada beitreten, wird aber von vom Zentralrat des Dadaismus - unter der Leitung von Huelsenbeck - mit der Begründung, dass sie nicht „jeden Erstbesten“ in den Club aufnehmen, abgewiesen. Das war der Ausgangspunkt für eine grössere Unabhängigkeit, denn Schwitters findet seine besondere Form, er findet Merz.

Zwei Jahre später im Sommer 1920 erlangt Dada in Berlin seinen Höhepunkt: Die Erste Internationale Dada Messe. Vor allem in Erinnerung bleiben zwei Mannequins in der Messe: Das Mannequin eines Knaben von Grosz-Heartfield mit einem Gebiss als Geschlechtsteil und das Mannequin eines feldgrauen Soldaten von Schlichter, das von der Decke hängt, mit einer Schweinsmaske mit Militärmütze als Kopf.

Paris: Provokation

In Paris wurde Dada als Mittel zur Provokation bis zum Äussersten geführt: bis zum Kannibalismus von Dada.

Am 17. Januar 1920 kommt Tristan Tzara in Paris an und lernte mit Francis Picabia sofort André Breton, Louis Aragon und Philippe Soupault kennen, um Dada in Paris zu lancieren.

Im Februar 1920 folgen zahlreiche Dada Soiréen bei deren Einlass das Bulletin Dada No 6 verteilt wird. Die Abende werden von Hunderten wenn nicht sogar Tausenden besucht. Ihnen wird die Anwesenheit Charlie Chaplins versprochen.

Am 26. Mai 1920 wird im Salle Gaveau das Festival Dada gefeiert, das bisher ambitionierteste Unterfangen der Dadaisten. Die Besucher kommen in Scharen, weil sie wissen, dass es ein Skandal sein wird und bringen nicht mehr nur Eier oder Tomaten mit, um sie auf die Bühne zu werfen sondern saftige Koteletts. Die Presse aber sieht in der Veranstaltung vor allem einen service funèbre von Dada.

Um diesem vermeintlichen Ende von Dada zu entgehen rufen sie im Februar 1921 die „Saison Dada 1921“ aus und veranstalten am 14. April eine „Visite“ zur orthodoxen Kirche Saint Julien le Pauvre mitten in Paris. Leider spielt das Wetter nicht mit, und die Wiederauferstehung von Dada fällt buchstäblich ins Wasser. Einen Monat später lancieren sie einen weiteren Versuch mit dem „Procès Barrès“, an dem sich Tzara öffentlich über Breton mockiert. Die inneren Streitereien unter den Dadaisten treten an die Oberfläche und eskalieren zwei Jahre später in der „Soirée du Coeur à Barbe“ vom 6. Juli 1923 total. Breton, schwingt sich stockschwingend auf die Bühne und bricht dem armen Poeten Massots mit einem sportlichen Schlag den Arm.

Ein Jahr später veröffentlicht Breton das surrealistische Manifest und dominiert damit die Pariser Szene.

Einflüsse

Wie der Surrealimus unter Breton eine direkte Folge von Dada ist, sehen sich auch die Lettristen unter dem Rumänen Isidor Isou, die Situationisten unter Guy Debord, als deren Pate Arthur Cravan fungiert, die Beat Generation, bei denen Brion Gison William Borroughs die Cut-Up Gedichte von Tzara vorstellt, Fluxus, welches zu Beginn noch als Neo-Dada verhandelt wird und Punk als Dadas Erben.


Und heute leben wir in einer Welt, die, noch viel mehr als vor hundert Jahren, von einem Wirschaftsfatalismus geprägt ist und in der die postmoderne Horizontalität langsam aber sicher zu einer Erschöpfung kommt und vermehrt die Sehnsucht nach einer Vertikalität bemerkbar wird.